"Freundschaft" ist seit mindestens Anfang des 20. Jahrhunderts ein gängiges Grußwort unter Kommunisten und Sozialisten. Dieser Gruß erfreute sich schließlich solcher Beliebtheit, dass es mit Дружба [družba] ins Russische übersetzt wurde und so auch in der Sowjetunion Verwendung fand. Kai Fischer setzte sich ab 2015 vermehrt mit der Definition von Freundschaft auseinander. Im Hinblick auf diese gedankliche Analyse entwickelte er die 2015/2016 entstandene Fotoserie Дружба [družba]. Diese zeigt Porträtaufnahmen enger Freunde des Künstlers, die bei langer Belichtungszeit fotografiert wurden. Der Bildausschnitt ist sehr eng gewählt und zeigt mit einer Bildgröße von 40 x 40 cm die Abgebildeten im Maßstab 1:1. Alle Porträtierten tragen dasselbe Hemd und erzeugen durch die gleiche Pose Uniformität. Dadurch wandert der Fokus des Betrachters auf den gedankenversunkenen Blick des jeweils Fotografierten und die beiden Hände, von denen eine offensichtlich nicht zur jeweiligen Person selbst gehört. Die transparent wirkende Hand ist die des Künstlers, welche ein Hinweis auf ein zweites „Eingreifen“ in den schöpferischen Prozess darstellt und gleichzeitig die Verbindung zum Abgebildeten symbolisiert. Die stets unterstützende Geste erzeugt Intimität. Durch die Verwendung einer Lochblende wirken die Schwarz-Weiß-Aufnahmen altertümlich und erzeugen eine formale Ästhetik, die an frühe Fotografie erinnert und eine Assoziation mit dem Aberglauben jener Zeit aufgreift: Der Verlust und die Übertragung der Seele des Porträtierten an den Fotografen.

Дружба [družba], 2016, 19 Bilder, je 40 cm x 40 cm, C-Print